Germania über Wittekind - AD 100

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Geschichte der Schule


In Sachen Widukind brachte die "Germania" in ihrer Ausgabe vom 6. Februar, Nr. 38, einen Artikel, den wir seiner grundsätzlichen Bedeutung wegen nachfolgend wiedergeben wollen:

Im Hagener Stadttheater ist es zu Zwischenfällen gekommen. Wie der Polizeibericht meldet, wurden bei der Aufführung eines Widukind-Dramas von Edmund Riß Protestrufe laut. "Nachdem Oberspielleiter Hoffmann die Erklärung abgegeben hatte, daß das Stück nicht nur mit Genehmigung, sondern mit ausdrücklicher Billigung des Reichsministers f. Volksaufklärung und Propaganda aufgeführt werde, trat zunächst eine Beruhigung ein. Die Störungsversuche wiederholten sich aber im zweiten Akt und nahmen im dritten Akt noch stärkere Formen an. Rufe wie: 'Keine Geschichtsfälschung!' wurden laut, auf die man aus dem Parkett mit heftigen Gegenrufen antwortete. Polizei und SA. räumten den oberen Rang, worauf die Vorstellung ungehindert zu Ende geführt wurde. Bei den Ruhestörern handelte es sich um junge Burschen, die alle aus katholischen Kreisen festgestellt wurden." Um was handelte es sich? Um das 1928 geschriebene geschriebene Erstlingsdrama eines in Recklinghausen lebenden Regierungs- und Baurates Edmund Riß, welcher weltanschaulich der Ludendorff-Bewegung nahesteht und früher schon mit einigen um Hörbigers Welteislehre kreisenden Romanen hervorgetreten ist. Das in Hagen uraufgeführte Wittekind-Drama hält trotz aller Anstrengungen der Regie und der Schauspieler auch den bescheidensten kunstkritischen Maßstäben nicht stand. Es bestände einiger Anlaß, zu erwägen, dieses dramatische Produkt auf die Liste der nationalen Kitschliteratur zu setzen. Aber nicht das ist es, was dieses Bühnenstück unverdientermaßen ein den grellsten Lichtkegel der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt hat: Hier liegt vielmehr eine Herabwürdigung der nationalen und religiösen Ueberzeugungen des deutschen Volkes vor, wie sie krasser und bedauerlicher nicht gedacht werden kann. Die deutsche Presse hat den Protest der christlichen Besucher des Hagener Stadttheaters wirkungsvoll weitergetragen, und wie in der "Germania", so stand dieses pseudokünstlerische Tendenzstück auch in zahllosen anderen Blättern, darunter der "Essener National-Zeitung" und der "Deutschen Allgemeinen Zeitung", eine energische Zurückweisung. Wir bedauern nur, daß in dieser die nationale Ehre und den religiösen Frieden auf das schwerste gefährdenden Frage nicht die volle Einstimmigkeit der Theaterkritik und der Theaterbesucher festzustellen war.

Unter allen "Rebellen gegen das Reich", die von gewisser Seite heute als die einzig wahren Deutschen gefeiert werden, nimmt der Sachsenherzog Widukind eine besonders bevorzugte Stellung ein, und wir haben mehr als einmal Anlaß nehmen müssen, offensichtlichen Geschichtsverfälschungen mit dem Gewicht unzweifelhafter Tatsachen entgegenzutreten. Widukind hat nach jahrelangen erbitterten Kämpfen, in denen es auf beiden Seiten an Gewalttaten nicht gefehlt hat, und die um eine machtpolitische, nicht um eine religiöse Entscheidung geführt wurden, den aussichtslosen Kampf gegen den Frankenkönig Karl aufgegeben. Er ist, wie die Chroniken übereinstimmend berichten, Christ geworden und wurde von der Kirche selig gesprochen. Der heroische Verzweiflungskampf des Sachsenherzogs hat von jeher die Phantasie vor allem der Jugend bewegt, und der Verfasser dieser Zeilen erinnert sich, daß mehr als einer seiner Altersgenossen auf der Schulbank als erstes und letztes Produkt seiner vermeintlich dichterischen Muse ein "Widukind-Drama" schrieb. Keinem wäre es eingefallen, die letzte entscheidende Wendung in dieser großen Auseinandersetzung zu unterschlagen oder in ihren Motiven zu verfälschen. Einem Schüler Ludendorffs blieb es vorbehalten, die Bekehrung Widukinds mit einem der niederträchtigsten Einfälle zu erklären, welcher ein infernalistischer Macciavellismus jemals hätte ersinnen können. Kaiser Karl, der Schöpfer des römischen Reiches deutscher Nation und Führer des tapferen Frankenvolkes, soll die Unterwerfung eines kühnen Gegners "unter das Kreuz" mit der Drohung erzwungen haben, 60 000 sächsische Frauen und Mädchen dem "Auswurf des Orients", Juden, Griechen, Italienern, Mohren zur Schändung und Verseuchung preiszugeben. Diese ungeheuerliche Unterstellung, die durch keine einzige geschichtliche Quelle auch nur von ferne gerechtfertigt ist, wagt der Verfasser einem deutschen Publikum anzubieten und in aller Breite und empörender Peinlichkeit auszumalen. Dichterische Freiheit? Diese beliebte Ausrede liberalistischer Auch-Künstler findet keinen Platz im heutigen Denken, das vor allem anderen nach der Gesinnung fragt und gegen die zersetzende Kritik an den Helden unserer Geschichte berechtigten Protest einlegt. Künstlerische Notwendigkeit? Reichsminister Goebbels hat immer wieder mit größtem Nachdruck betont, daß Kunst Können voraussetzt und daß über dem Können die Gesinnung steht. Dieser Widukind ist ein Gesinnungs- oder sagen wir lieber deutlicher, ein Tendenzstück, das einen Blick in die Abgründe nationaler Begriffsverwirrung eröffnet. Die Heere der Franken, welche vor tausend Jahren die Idee des Reiches an der Donau, am Po und im Kampfe gegen die heidnischen Mauren geschützt haben, sind auch die Vorfahren jener deutschen Männer, die vor zehn Jahren den Separatismus am Rhein zur Strecke brachten und die am 13. Januar an der Saar ein überwältigendes Bekenntnis für ihr Deutschtum ablegten. Wir verwahren uns leidenschaftlich gegen den Versuch, eine Rangordnung deutscher Stammesleistungen unter dem Gesichtswinkel pseudogermanischer und neuheidnischer Ideologien vorzunehmen, ein Versuch, der den großen Gedanken der Reichseinheit nicht fördern, sondern nur auf das schwerste schädigen kann.

Dieses Widukind-Drama stellt nicht nur einen Angriff gegen das deutsche, sondern auch gegen jedes christliche Empfinden dar. Seine Verteidiger könnten vielleicht einwenden, daß der Verfasser seine Vorstöße nicht gegen die kirchliche Glauenslehre, sondern nur gegen ihre unwürdigen Vertreter gerichtet habe. Wir wollen daher einmal beiseite lassen, wie der gläubige Christ die Vorgänge jener Zeit beurteilt, und was die Gestalt Karls des Großen, des Schöpfers des Ersten Heiligen Reiches Deutscher Nation, für ihn bedeutet. Sehen wir zu, wie der Verfasser mit den Glaubensüberzeugungen des christlichen Deutschen umgeht. Er läßt Widukind sagen: "Nicht Karl ist mein gefährlicher Gegner, Hadrian ist es und seine heimlichen und unheimlichen Kämmerer. Immer sehe ich zwischen den streitenden Deutschen den Priesterrock. Habt Ihr doch nicht Ruhe, bis ganz Deutschland zur Ehre des landesfremden Mannes, den Ihr Gott nennt, im Blute schwimmt." Nach dem Blutbad von Verden heißt es: "Das haben die Nazarener getan!" Albion, der Waffengefährte Widukinds, ruft aus: Hinaus mit den Mördern der deutschen Seele! Wir können keinen Erlöser brauchen, der jammert, statt zu schweigen, wie es ein Held tut. Wir Deutschen erlösen uns selbst, und was wir Unedles tun und denken, das tragen wir als Männer." Weiter läßt Riß seine Gestalten sagen, Christus predige nicht nur Mißachtung, sondern sogar Kampf mit dem Schwert gegen den eigenen Blutgefährten, selbst gegen Vater und Mutter, gegen Bruder und Schwester. "Er (d.h. Christus) kannte seine Brüder nicht, die seine Mutter gebar" (!). "Der Mann aus Nazareth ist ein bequemer Gott. Man darf immerhin ein Menschenleben ein Halunke sein. Die Reue am Ende bringt Gnaden und Lohn, .... irgendeinen lumpigen Lohn, der in nebelhafter Ferne in einem unbekannten und zweifelhaften Jenseits winkt." Diese gotteslästerlichen Reden, welche die Feder sich sträubt, niederzuschreiben, gipfeln in der Erklärung, die der "reumütige" Wittekind bei seinem Uebertritt zum Christentum abgibt: "In der festen Ueberzeugung, daß Kette und Kreuz einem völlig Unwürdigen gegeben wurden, bitte ich dennoch, dem Hl. Vater zu sagen, er könne mich am - allertiefsten beglücken, wenn er ..." Wir brauchen nicht fortzufahren. Jeder, der sich nur noch einen Rest von christlicher Ehrfurcht, ja nur von Taktgefühl gegenüber seinen christlichen Volksgenossen bewahrt hat, wird sich mit Ekel und Abscheu von einem Produkt abwenden, das so deutlich die Züge des Hasses auf dem Gesicht trägt.

Wir haben in den Jahren der marxistischen Gottlosenpropaganda durch Wort und Tat wiederholt wirksam Protest erhoben gegen die Herabsetzung und Verzerrung der heiligsten Gefühle des Christen und Deutschen. Um so weniger brauchen wir heute zu schweigen, wo wir in Gemeinschaft mit unseren christlichen Glaubensbrüdern und im Sinne des Willens des Führers an einer christlichen deutschen Volksgemeinschaft bauen helfen. Es ist schlechterdings unerfindlich, wie ein Hagener Oberspielleiter erklären konnte, daß dieses Stück mit der ausdrücklichen Billigung des Reichsministers für Volksaufklärung und Propaganda aufgeführt werde. Dem widersprechen alle Tatsachen, und schon das Beispiel der "Essener National-Zeitung" beweist, daß auch in den Kreisen der Partei der Widerspruch gegen dieses Tendenzwerk weite Kreise zieht. Unbegreiflich erscheint es uns auch, daß dasselbe Hagener Stadttheater sich zu diesem Experiment hergab, das noch vor kurzem mit einer Aufführung des "Apostelspiels" von Max Well sein Verständnis für die hohen Werte christlicher Dichtung der Gegenwart zu beweisen schien. Wenn die früher herrschende Anarchie auf dem Gebiete der Theater-, Film- und Kunstproduktion durch die tiefeinschneidenden Maßnahmen der neuen Staatsführung erfolgreich zurückgedrängt werden konnte, so darf sie sich zu allerletzt in Problemkreisen ein Asyl schaffen, welche mit der nationalen und christlichen Existenz der deutschen Volksgemeinschaft untrennbar verbunden sind. Wir glauben nicht, daß es erst eines Machtwortes von oben bedarf, um dieses Machwerk von einer deutschen Bühne verschwinden zu lassen, denn die Gesinnungskreise des Herrn Riß, die auf Angriffe gegen ihre eigene "Weltanschauung" mit so überfeiner Empfindlichkeit reagieren, werden sich aus der Protestbewegung der deutschen Presse und weitester christlicher Kreise davon überzeugt haben, welchen unübersehbaren Schaden an dem Gedanken des nationalen und konfessionellen Friedens sie mit solchen Produkten anzurichten im Begriffe standen. Genug der Geschichtsklitterung! Wir rufen nach dem wahren und großen künstlerischen Deuter einer heißumstrittenen deutschen Vergangenheit.

Quelle: Weiße Blätter, Ausgabe Februar 1935

© Albrecht-Dürer-Gymnasium
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